Liebe Terranauten!

Können wir eine neue Welt erschaffen, um uns vor dem Untergang unserer eigenen zu retten? Können wir das menschliche Leben nachbilden in einem geschlossenen Ökosystem oder wäre das nur ein weiterer Versuch, sich aus der Verantwortung zu ziehen? Dürfen wir neues Leben nachbilden, während wir unser Leben gleichermaßen zerstören, indem wir unseren Planeten zerstören?

Kurz und knapp

Acht Terranauten lassen sich für zwei Jahre in ein riesiges Terrarium mit Pflanzen und Tieren einsperren, Ecosphere 2. Niemand der Bewohner darf die Glaskuppel verlassen. Unter keine Umständen. Egal, was passiert. Wissenschaftler, Reporter und Touristen drängen sich um das Megaterrarium herum und wollen einen Blick auf die Bewohner erhaschen, die sich jahrelang auf dieses Experiment vorbereitet haben. In unterschiedlichen Lebensformen wollen sie das Leben nachbilden. Alles wird selbst angebaut. Es gibt für alle acht Terranauten nur das zu Essen, was geerntet wird. Nichts anderes. Alle sind sich einig, dass die Luftschleuse unter keinen Umständen geöffnet werden darf. Niemals. Doch dann wird Dawn schwanger und sie möchte das Kind in E2 zur Welt bringen, denn wie sonst kann man das menschliche Leben nachbilden, wenn nicht auf diese Weise? Allerdings stößt diese Idee bei den anderen Terranauten auf wenig Begeisterung, denn vor allem bedeutet es, einen weiteren hungrigen Menschen zu ernähren und das Essen reicht gerade so für acht Menschen. Aber Dawn gibt nicht nach. Sie kämpft darum, ihr Kind in dieser neuen Welt auszutragen, sie kämpft um das Experiment E2. Muss das Experiment dennoch abgebrochen werden?

Meine Meinung

Wir sollten nie daran zweifeln, dass eine kleine Gruppe umsichtiger, entschlossener Menschen die Welt verändern kann. Tatsächlich ist dies das Einzige, was die Welt je verändert hat.
Margaret Mead

Wissenschaftler in Arizona haben im Jahre 1991 genau das getan. Acht Menschen ließen sich damals in ein riesiges Glashaus, Biosphäre 2, sperren mitten in der Wüste Arizonas, doch schon bald wurde dieses Experiment zu ihrem ganz persönlichen Albtraum, denn die Luft wurde so dünn wie auf dem Gipfel des Kilimandscharo. Die Tier- und Pflanzenarten sollten alle voneinander abhängen innerhalb des Experiments, alle Lebensmittel sollten selbst produziert werden: Nichts rein, nichts raus. So der Plan. Doch die Realität sah dann ganz anders aus. Schon in den ersten Wochen schnitt sich ein Bionaut die Fingerkuppe ab und verließ das Glashaus, um ärztlich versorgt zu werden. Das Experiment war zum Scheitern verurteilt und sechs Jahre Vorbereitungszeit waren umsonst gewesen.

Boyle hat sich von diesem Experiment inspirieren lassen, doch ihn interessierten nicht so sehr die ökologische Seite, sondern vor allem die seelischen Zerrüttelungen, die das Experiment hervorruft. Zwei Jahre verbringen sie jeden Tag mit den gleichen Menschen, das Essen ändert sich selten und Neid, Eifersucht und Missgunst macht sich unter ihnen breit. Der Hunger nagt an ihnen und im Winter verlangsamen die Pflanzen die Photosynthese durch die fehlende Sonne. Somit sinkt der Sauerstoffgehalt und die Terranauten müssen sich überlegen, ob dies das Ende ist, oder ob sie beweisen wollen, dass geschlossene Biosphären funktionieren. Dawn Chapman, Ramsay Roothoorp und Linda Ryu berichten über das Geschehen aus jeweils ihrer eigenen Perspektive. Dawn und Ramsay befinden sich in der Glaskuppel, stellen sich den Herausforderungen, die das Experiment mit sich bringt, Linda dagegen befindet sich, von Neid zerfressen, außerhalb der Biosphäre. Hauptsächlich geht es hierbei um zwischenmenschliche Beziehungen und die Fragen, wie die Terranauten miteinander umgehen und wie sich der Einschluss auf die Psyche der Bewohner auswirkt. Nach und nach lastet das Experiment auf ihren Schultern. Sie sind unterernährt, oft gereizt, und doch haben sie etwas geschafft, was kaum möglich ist: Dawn hat eine gesunde Tochter auf die Welt gebracht. Nicht einmal haben sie die Luftschleuse geöffnet, das Experiment ist geglückt.

Ganz anders war das in der Realität. Biosphäre 2 wurde zwei Jahre durchgezogen und doch ist das Experiment bereits nach wenigen Wochen gescheitert, denn immer wieder haben sie die Luftschleusen geöffnet. Jane Poynter, die 1991 mit dabei war, sagt: Wir haben bewiesen, dass geschlossene Biosphären funktionieren“. Aber wie kann sie das sagen, wo sie doch eigentlich nur bewiesen haben, dass man in einer geschlossenen Biosphäre leben kann, jedoch nicht überleben? Für mich ist dieses Experiment ausgesprochen spannend und deshalb habe ich den Roman mit viel Interesse gelesen und die Geschichte verfolgt, die gar nicht so abwegig ist.

Der Himmel war ebenso wenig da wie die Sonne, alles war in Facetten unterteilt, ein Mosaik. Es war, als würde ich diese Hülle mit mir herumtragen, als wären meine Beine das Einzige, was sie stützte. Ich fühlte mich erdrückt. Erstickt. Es war so schlimm, dass ich manchmal kurz davor war, die Luftschleuse zu öffnen.
Seite 255

Wir können wohl kaum leugnen, dass wir unsere Welt zerstören und mit diesem Experiment wollten wir unser gewissen beruhigen, zeigen, dass wir überleben können, uns anpassen können. Aber das ist gescheitert. Boyle zeigt das Experiment, wie es hätte laufen sollen, wie es einwandfrei gelaufen wäre, wenn die Bewohner die Luftschleuse nie geöffnet hätten. Doch vor allem steht die Psyche im Vordergrund. Bereits nachdem die acht Terranauten ausgewählt sind, beginnt die Fassade einiger zu bröckeln, sie sind neidisch. Innerhalb von E2 geht jeder seinen Aufgaben nach, Tag für Tag, doch mit der Zeit nehmen die Spannungen zu. Boyle beschreibt fesselnd das Experiment Ecosphere 2, das mich begeistert und mitreißt, denn eigentlich reisen wir damit zurück in die Vergangenheit. Ich glaube jedoch nicht, dass wir jemals in einer geschlossenen Biosphäre leben könnten, denn auch E2 hängt von so vielen Faktoren von außen ab, zum Beispiel dem Wetter oder dem Strom.

Es macht Spaß, über dieses Phänomen nachzudenken, sich vorzustellen, wie das Experiment mit mir selber gelaufen wäre. Am Ende habe ich mir die Frage gestellt, ob ich an Biosphäre zwei oder drei oder vielleicht zehn teilnehmen würde, falls es sich in Amerika je wiederholen sollte. Die Antwort lautet: Ja!

Fazit

T. C. Boyle schreibt mit Die Terranauten kein spannendes Abenteuer, keine leichte Schifffahrt oder Ähnliches, sondern ein Experiment, basierend auf einer wahren Geschichte. Er erzählt von dem Versuch, eine neue Welt zu erschaffen, um sich vor dem Untergang unserer eigenen zu retten. Sachlich, aber dennoch gefühlvoll erzählt Boyle von Ecosphere 2, den menschlichen Bewohnern und der Veränderung der Psyche. Es gibt keinen wirklichen Spannungsaufbau, doch dieser würde den Ernst des Experiments zunichte machen. Mich hat der Roman beeindruckt, verborgene Gefühle geweckt und mir gezeigt, wie wichtig es ist, unsere eigene Welt zu retten, um schließlich auch uns selber zu retten. Für diese Gedanken und dieses grandiose Werk gibt es ein Ohnegleichen.


Bibliografische Angaben

Die Terranauten
T. Coraghessan Boyle
Verlag: Hanser
Genre: Roman
ISBN: 978-3446253865
Seiten: 604

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