Hallo, liebe Literaturjunkies!

Der Mensch ist ein winzig kleiner Teil in dieser Welt, und dennoch macht er es möglich, die Welt zu zerstören, die Welt in den Untergang zu treiben. Der Mensch ist eine Knochenuhr, denn mit der Zeit altert er, seine Uhr tickt und die Knochen zerfallen. David Mitchell vereint die Realität und die Fantasie zu einem Meisterwerk, welches uns durch viele Jahre führt, in eine Zukunft, die gar nicht so unwahrscheinlich ist.

Kurz und knapp

Sommer 1984: Holly Skyes läuft von zu Hause fort, denn sie ist die ständige Bevormundung ihrer Eltern leid. Sie möchte zu ihrem Freund ziehen, doch dieser vergnügt sich mit ihrer besten Freundin. Auf ihrer ziellosen Flucht begegnet sie einer alten Frau und sie bittet Holly um Asyl. Sie stimmt zu, ohne genau zu wissen, welche Folgen dieses Versprechen für sie hat. Jahre vergehen und mit ihrem Buch Die Radiomenschen wird sie sehr erfolgreich, doch noch immer lebt sie ein einfaches Leben gemeinsam mit ihrer Tochter Aoife, welches gelegentlich von mysteriösen Vorahnungen, Visionen und Begegnungen geprägt ist. Plötzlich befindet sie sich in einem Kampf zweier Mächte um ewiges Leben und nur ihr, im Jahre 1984, verschwundener Bruder Jacko kann ihr noch helfen …

Meine Meinung

Die Grenzen des Unmöglichen sind verschiebbar. Das Mögliche ist ein dehnbarer Begriff.
Seite 268

Die Knochenuhren von David Mitchell war ein absoluter Coverkauf, das gebe ich zu, aber es sieht auch einfach fantastisch aus mit seinen vielen Farben, die dennoch so gut zusammenpassen. Außerdem enthält es, wie ich während des Lesens festgestellt habe, viele wichtige Details aus der Geschichte, die ich beim Kauf natürlich noch nicht erfassen konnte. Man sagt: Don’t judge a book by it’s cover, aber manchmal ist es eben nicht verkehrt. Von David Mitchell habe ich bisher noch keine Bücher gelesen, denn nachdem ich einige Rezensionen gelesen habe, kam ich zu dem Schluss, dass sein Schreibstil wohl doch etwas zu anspruchsvoll ist, wobei ich damit eigentlich keine Probleme habe, denn die Sprache ist etwas Wertvolles, was sich zu pflegen lohnt und wenn jemand ein Buch schreibt, dessen Schreibstil wortgewaltig ist, so zeugt es doch nur davon, dass er die Sprache beherrscht. Sie ist ein komplexes System und David Mitchell beherrscht es. Er schreibt mit einer fantastischen Intensität und Lust an der Sprache, dass mich der Roman bereits damit vollkommen beeindruckt hat.

Aufgeteilt ist die Geschichte in sechs Abschnitte, in denen ich die Geschichte um Holly Skyes verfolgen konnte. Es beginnt im Jahr 1984 in Gravesend, England, als Holly eine junge Frau ist und endet 2043 in Sheep’s Head, an Irlands Atlantikküste. Anfang und Ende sind aus Hollys Sicht geschrieben und dort habe ich mich gleich eingefunden. Ich wurde mitgerissen von der Geschichte und war gespannt, wie alles am Ende aufeinander treffen würde. Die vier anderen Abschnitte werden aus Sicht weiterer Personen erzählt, die eine große Rolle spielen, doch zunächst begriff ich gar nicht, in welcher Verbindung sie nun zu Holly stehen. Aber ich wollte nicht aufgeben und dann wurde alles immer deutlicher. Ich nahm die kleinen Dinge wahr, erfasste die Zusammenhänge und auch meine Fragen am Anfang wurden alle beantwortet. Diese Spannung, die das Buch aufbaut, die einzelnen Perspektiven und Zeitwechsel, machen den Roman zu einem echten Abenteuer, auf dem wir Holly Skyes durch ihr Leben begleiten.

Denn die Art, wie man lebt, ist so verschieden von der Art, wie man leben sollte, dass, wer sich nach dieser richtet statt nach jener, sich eher ins Verderben stürzt, als für eine Erhaltung sorgt; denn ein Mensch, der in allen Dingen nur das Gute tun will, muss unter so vielen, die das Schlechte tun, notwendig zugrunde gehen.
Seite 179

Erst Jahrzehnte später wissen wir, warum Holly Esther Little damals Asyl gewährt hat und was das für sie und ihre Familie bedeutet hat. Warum ist ihr Bruder Jacko genau an dem Tag verschwunden, als Holly ausriss? Wir lernen außerdem die Anachoreten und die Horologen kennen, zwei Mächte, die auf Holly einwirken. Sie sind überzeitlich und es ist ihnen möglich, ewig zu leben. Die Seele eines Horologen wandert, wenn es Zeit ist, in einen anderen Körper, um dort weiter zu leben. Die Anachoreten allerdings suchen sich ihren neuen Körper gezielt aus. Auch töten sie Menschen, wohingegen die Horologen sozusagen Vegetarier sind. Das alles klingt unglaublich verwirrend, doch man wächst an der Geschichte. Immer mehr kleine Details werden aufgedeckt und in Verbindung zu Holly gesetzt, die ich zuvor gar nicht für möglich gehalten habe. Es tauchen Handlungsstränge auf, die zunächst scheinbar wahllos enden, doch am Ende der Geschichte, werden diese Stränge wieder aufgegriffen und zu einer vollkommenen Geschichte vereint. Ein grandioser Schachzug und absolut fantastisch gewählt von David Mitchell.

Menschen sind Eisberge: Du siehst die Spitze, der große Rest aber bleibt im Verborgenen.
Seite 41

Der Autor schließt seinen Roman mit einer Zukunftsvision ab, die heute gar nicht so unwahrscheinlich ist. Der Klimawandel ist Realität und auch das Öl wird knapp. Somit konnte mich Mitchell auch mit dem letzten Abschnitt begeistern und noch einmal ganz neu fesseln. Mitchell beschreibt in seinem Roman Die Knochenuhren die Entwicklung als rückläufig und das ist nicht weit hergeholt. Die Probleme sind vorhanden und die Erde kümmert sich nicht um Einzelschicksale. Irgendwann wird die Natur zurückschlagen, wenn der Klimawandel nicht mehr aufzuhalten ist, alle vorhandenen Ölreserven aufgebraucht sind. Und was bleibt dann noch übrig? Immer wieder stelle ich mir diese Frage. Daher ist die Vision Mitchells für mich durchaus plausibel und nachvollziehbar.

Damit eine Reise beginnen kann, muss eine andere Reise zu Ende gehen.
Seite 808

Fazit

Absolut mitreißend und überwältigend erzählt David Mitchell eine Geschichte, die durch viele Jahrzehnte führt immer an der Seite von Holly Skyes. Detailliert und fantastisch werden wir durch die Realität geführt, die ebenfalls die Fantasie ist. Überzeitliches wird grandios eingebaut und weckt Hoffnungen, ist aber gleichsam zerstörerisch und fatal. Der einzigartige und wunderschöne Schreibstil schreit nach mehr und obwohl ich viel geschrieben habe, habe ich das Gefühl, in meiner Rezension nichts gesagt zu haben. Die Geschichte ist wahnsinnig bewegend und phänomenal. Lest diesen hervorragenden Roman!
Natürlich gibt es für dieses Werk ein Ohnegleichen.


Bibliografische Angaben

Die Knochenuhren
David Mitchell
Verlag: Rowohlt
Genre: Roman
ISBN: 978-3498045302
Seiten: 808

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